„Ich wähle Stuhlgang“,

ist die Conclusio des Zeit-Kolumnisten Harald Martenstein zu seinem Spitalsaufenthalt. Er will lieber „lügen und stehlen“ als einen Einlauf. Dazu bringt ihn die täglich allzufrühmorgendliche, hochnotpeinliche Befragung zu seinem Verdauungsgeschehen in der Chest Pain Unit, in der er gerade liegt. Damit lehrt er all jenen Besseres, die behaupten, Patienten würden sich nur am Essen stören…

In bester satirischer Weise bringt Martenstein zum Ausdruck, was Patienten (auch) erleben, wenn sie der Maschinerie Spital übereignet werden. Dort gelten schliesslich andere Gesetze. „Hatten Sie gestern Stuhlgang?“, fragt die Pflege jeden Morgen. „Das hat mich noch keine Frau gefragt“, meint dazu der Kolumnist und zeigt, wie Formen und Grenzen im Spitalbett durchbrochen sind. Eine Banalität, nicht wahr? Spitäler sind nun mal Orte der Indiskretion und der Überschreitung von Schamgrenzen. Das geht nicht anders. Dazu bemühen sich alle, sind „nett“ und haben die nötige „Reparatur“ gut hingekriegt, findet der Patient und Kolumnist.

Ist das in Ordnung?

Da wird ein Patient erfolgreich behandelt und hat dann nichts Besseres zu tun als eine Satire zu schreiben. Andere mäkeln am Essen rum, beschweren sich über dies und das und wissen die medizinische Kompetenz nicht zu schätzen. Der Patient ist voll Undank? Das Gegenteil ist der Fall: Weil man ihnen hilft, nehmen Patienten vieles hin, weil sie Linderung oder Besserung erfahren, schweigen sie. Sie sind dankbar, sie sind geduldig. Die Ausnahmen bestätigen die Regel.

Aber sie sehen auch, wie der Betrieb mit ihnen umspringt. Wie sehr sie blosses Objekt einer hochgezüchteten Maschinerie sind. Aufgenommen, repariert, entlassen. So geht das eben. Da bleibt nur die Hoffnung, Stuhlgang zu haben. Sprich, nicht noch mehr Fremdbestimmung erfahren zu müssen. Denn das ist der Punkt dieser kleinen Satire.

„Auf keinen Fall soll dies so klingen, als würde ich mich beschweren.“ Viel zu bedrohlich könnte ein Missverstehen sein – es könnte ja einen Einlauf geben.

Autor: Christof Schmitz
Quelle: http://www.zeit.de/2013/31/harald-martenstein