Die Medizinergeneration Y

«The problem with health care is people like me» schreibt Thomas Lee von der Harvard Medical School. «Wir», das sind Mediziner jenseits von 40, die noch gelernt haben, dass ein guter Arzt vor Morgengrauen ins Spital kommt und erst dann nach Hause geht, wenn alle Patienten behandelt und betreut sind. Viele junge Ärztinnen und Ärzte von heute sehen das ganz anders… Sie erwarten geregelte Arbeitszeiten, möchten Überzeiten kompensieren – mit Freizeit versteht sich – und beanspruchen Zeit für sich und für ihre Familie. Vor ein paar Jahren wurde diese Entwicklung noch belächelt, heute hat sie einen eigenen Namen: Generation Y.

Die neuen Ärzte

Sind die neuen Ärzte einfach faul oder bequem? Eine solche Qualifizierung würde zu kurz greifen. Tatsächlich orientieren sie sich an anderen Lebensentwürfen. Was für sie zählt, ist eine gelingende Work-Life-Balance. Ihr Leben ist ihnen so wichtig wie das Wort des Chefarztes. Das kann schon ärgern, waren «wir» doch noch ganz anders orientiert. Aber da hat sich viel geändert. Die Neuen verhalten sich dabei durchaus vernünftig. Zum Beispiel konnten «wir» noch davon ausgehen, dass unser Schuften als Assistenten später zu hohem Status, Verdienst und Autonomie führen würde. Solches gilt für die Neuen nicht mehr. Wenn die Aussichten so wechseln, warum aber soll man dann das alles hinnehmen: «Mangelndes Sozialleben durch unbezahlte Überstunden? Tagelange ständige Dienste? Miserable Weiterbildung durch autoritäre Choleriker? Unvereinbarkeit von Familie und Beruf? Das alles ist traurige Realität … Und wird vom Nachwuchs längst nicht mehr klaglos akzeptiert.» (Blogeintrag eines jungen Mediziners, Jahrgang 1986)

Die alten Chefs

Wie können «wir», die wir so anders orientiert waren  und sind, diese Jungen führen? Wie können wir sie inspirieren, wenn sie nicht mehr gleichermassen bereit sind, zu dienen? Wie können wir sie motivieren, wenn unsere Werte nicht mehr selbstverständlich gelten? 
An alle «wir’s»: Die Frage ist nicht, wie unangemessen oder ignorant diese Jungen sind, sondern wie die alten Chefs zu den neuen Ärzten passen. Darum geht es! Oder haben Sie eine Idee, wie Sie Menschen inspirieren, die ganz anderen Werten folgen als Sie selbst?

Der Ärztemangel

Virulent wird die Sache durch den Ärztemangel. Der lässt junge Ärzte und Ärztinnen zur heiss begehrten Ressource werden. Noch wird die Situation durch die vielen ausländischen Kräfte entschärft. Deutschland sei Dank. Aber was passiert, wenn sich die Arbeitsbedingungen für Ärzte in Deutschland bessern und unsere Anziehungskraft schmilzt? Dann werden wir einen harten Wettbewerb um die guten jungen Fachkräfte erleben. Bestehen wird diesen Wettbewerb nur, wer angemessene Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen schafft und in einer Form führt, die diese Menschen anspricht.

Was wollen die jungen Ärzte und was ist zu tun?

  1. Was die jungen Ärzte vor allem wollen, ist Respekt. Respekt für ihre Lebensentwürfe. In den Worten des jungen Mediziners: «Dann bin ich gerne bereit dazu viel und auch hart zu arbeiten und mich dabei voll und ganz im Rahmen meiner Fähigkeiten ins Team einzubringen. Oder ist das zu viel verlangt?»
  2. Die ärztlichen Weiterbildungscurricula sind viel stärker zu differenzieren und die Weiterzubildenden gezielter auszuwählen, zu befähigen und zu fördern.
  3. Führung und Motivation der jungen Ärzte und Ärztinnen haben sich den neuen Gegebenheiten anzupassen: Coaching und Feedback statt strenger Hierarchie und flexible Karrierepfade mit Perspektiven statt zweijährliche Stellenwechsel.

«The problem … is people like me.» Im Verständnis von uns Älteren waren und sind Freizeit, Zeit für die Familie und Work-Life-Balance keine primären Werte. Exakt hier liegt die eigentliche Herausforderung: über die eigenen Wertvorstellungen hinweg, sich einer neuen Entwicklung stellen. Und gleichzeitig winkt hier auch Gewinn, denn kaum etwas ist inspirierender als zufriedene und erfolgreiche Mitarbeitende. Das ändert auch mit der Generation Y nicht.