Das Risiko der Zusammenarbeit

In den 70er Jahren reichten 2,5 Stellenäquivalente an klinischem Personal, um einen durchschnittlichen, stationären Patienten zu behandeln. 20 Jahre später benötigte es bereits 15, heute sind es nochmals mehr. Zu seiner eigenen Verblüffung zählte ein Chirurg unlängst bei der Knieoperation seiner Mutter 63 Beteiligte, vom Radiologen über den Operateur, Pflegende in den jeweiligen Schichten, Physiotherapeuten etc. Wie schafft man es, mit einer solcher Vielzahl von Beteiligten ausgezeichnete Arbeit zu leisten?

Das Schweigen der Lämmer

Spitäler sind Orte voller Gespräche, Absprachen, Rapporte, Übergaben und dergleichen mehr. Ständig wird koordiniert und niemand wird sich darüber beklagen, dass nicht genügend „Geräusch“ zu vernehmen wäre. Aber dringen in diesem allgegenwärtigen Geräusch die wichtigen Informationen durch? Und werden jene Stimmen, die Ungereimtheiten, Nicht-Gelingendes oder gar Fehler anmerken wollen, gehört? Wagen sie es überhaupt, sich bemerkbar zu machen?

Wie sehr würden die Menschen, mit denen Sie zusammen arbeiten, den folgenden beiden Fragen zustimmen?

  • Bei uns kann man kritische Fragen stellen und Fehler ansprechen.
  • Niemand erwartet, dass wir eine Aufgabe gleich beim ersten Mal richtig erledigen.

Fällt die Antwort gleichermassen zustimmend für Gleichgestellte wie Untergebene, für Kaderärzte wie Assistenten und Pflegende aus? Wenn ja: alle Achtung! Dann arbeiten Sie in einem hervorragenden Umfeld, das Lernen und Entwicklung begünstigen dürfte. Und, Sie dürfen beanspruchen, dass Sie eine Ausnahme sind. Denn das ist nicht der Normalfall.

Der Normalfall, das sind bedingte Zustimmungen. Es mag viel gesprochen werden, aber nicht das, was wirklich wichtig ist. Es mag viel gelernt werden, das aber vor allem individuell, nicht aber als Organisation oder als Team. Der Normalfall ist, dass es schwer fällt, kritische Fragen zu stellen und dass es Aufwand bedeutet, eine Kultur zu entwickeln und zu pflegen, die gemeinsames Lernen und Entwicklung fördert.

Risiko

Wir unterschätzen, insbesondere als hierarchisch Höhergestellte, allzu leicht, wie schwierig es sein kann, seine Stimme zu erheben. Kritische Fragen zu stellen, heisst sich Risiken auszusetzen. Und Risiko lieben wir nicht, das hat uns die Forschung zu Risikoverhalten ausreichend gelehrt. Was wir anstreben, ist Verluste zu minimieren. Das hat Priorität. Alles andere erfordert speziellen Aufwand.

So laufen wir Gefahr als inkompetent eingestuft zu werden, wenn wir um Unterstützung ersuchen oder Fehler „zugeben“. Wir können als „negativ“ oder als Störenfried empfunden werden, wenn wir kritische Fragen stellen oder Einwände vorbringen. Wie schnell passiert es, als jemand gesehen zu werden, mit dem nicht gut zusammenzuarbeiten ist? Zusammenarbeit ist riskant, denn echte Zusammenarbeit bringt echte Spannungen hervor. Das lässt sich nicht verhindern, wenn unterschiedliche Sichtweisen, Perspektiven, Funktionen und Spezialitäten aufeinanderstossen. Damit muss man umgehen können.

Das Risiko ist, dass Fehler übersehen werden, Entwicklungen stagnieren und Menschen frustriert werden. Immer wieder ist es verblüffend zu sehen, wie wenig Fragen gestellt werden, wie gering der Bezug aufeinander ist, wie selbstverständlich es scheint, dass die Dinge unhinterfragt bleiben und sich jeder in seinem eigenes Gärtlein genügt. Man koordiniert sich, ja, man wundert sich über den anderen, ja. Aber fragt man auch kritisch nach? Gibt man Rückmeldung? Hier erst beginnt echte Zusammenarbeit, hier kann Entwicklung stattfinden. Speak up!