Was VW von der Medizin hätte lernen können

Da ist etwas schief gegangen bei VW. Abgasmessungen und Verbrauchswerte wurden über Jahre manipuliert. Nun ist das aufgeflogen und „Diesel-Gate“ ist in aller Munde. Das Unternehmen steht am Pranger und sieht sich Klagen und Forderungen Sonderzahl gegenüber. Wie konnten diese Fehler passieren? Und was hätte VW von der Medizin lernen können?

Letzte Woche berichteten Mitarbeiter von VW den Medien, dass niemand den Mut hatte, dem obersten Managements die Wahrheit zu offenbaren. Die Wahrheit darüber, dass man technisch nicht hinkriegt, was an Vorgabe von oben verordnet wurde. Niemand hatte die Stirn, die Leitung zu konfrontieren. Stattdessen wurde vertuscht und getäuscht. Kritische Information wäre vorhanden gewesen, wurde aber nicht kommuniziert. Das kennt man auch aus der Medizin. Die Transplantationspatientin, die ein Herz mit falscher Blutgruppe erhält – noch vor wenigen Jahren ist das hierzulande passiert.

Ja, solches kennt – darf man bereits sagen, kannte? – man auch aus der Medizin. Der starke Chefarzt, gut aber auch gefürchtet, jahrzehntelang Erfolge einfahrend. Patienten kommen, Assistenten gehen, Controller freuen sich. Und dann geht eine Operation schief, weil niemand imstande war, Halt zu rufen, wiewohl ausreichend kritische Information gegenwärtig gewesen wäre. Organisational silence nennt die Fachwelt dieses Phänomen. Ein sich wiederholendes Muster.

Speaking up

Die Medizin hat in den letzten beiden Jahrzehnten diesbezüglich viel gelernt. Die Erkenntnis, dass autokratisches Verhalten und Herrschaft qua Einschüchterung nicht für Qualität sorgen, hat sich verbreitet. Fehlerkultur, Checklisten, Debriefings, Team-learning, Human Aspect Development etc. sind nur einige Stichworte in diesem Zusammenhang. Die Zeit der „lonesome heros“ ist vorbei. Psychologische Sicherheit, „speaking up“ sind dringende Erfordernisse anspruchsvollen, fehlerkritischen Arbeitens geworden. Hier hätte VW von der Medizin lernen können. So wie die Medizin von der Luftfahrt lernte.

Zu lernen gibt es aus dieser Geschichte aber noch ein Weiteres. Sie zeigt, dass Systeme, wenn sie unter Druck geraten und dieser Druck nicht mehr verhandelt werden kann, „Auswege“ produzieren. Sei es im Verschweigen wichtiger Informationen, im Vortäuschen falscher Verhältnisse, ev. sogar im Einschlagen illegaler Wege. Die nächste ähnlich gelagerte Gefahr in der Medizin besteht wohl im immer noch steigenden ökonomischen Druck. In Deutschland konnte man das in den letzten Jahren bereits beobachten. Wenn die Budgetvorgaben ins Unrealistische wachsen, wie verhalten sich dann die Betroffenen? Widerstand leisten? Diagnosen „erweitern“? Abrechnungen türken? Operieren auch dort, wo es nicht unbedingt sein müsste? Hier gilt für alle Führungsebenen bis hoch zum Verwaltungsrat: Auch wenn der kalte Wind des ökonomischen Drucks noch kräftiger weht, gilt es im Gespräch über das sinnvoll Machbare zu bleiben. Silence ist das Schlimmste, was passieren kann – auch wenn es manchmal Jahre dauert, bis die Folgen an die Oberfläche kommen.