Von Fischen, Ärztinnen und Glaswänden

Rund doppelt so viele der 25- bis 30-jährigen Ärzte sind heute Frauen. Schaut man sich hingegen die oberen Kaderfunktionen an, zeigt sich ein ganz anderes Bild: 80-90% der Top Positionen sind von Männern besetzt. Haben wir es hier mit der berühmten „gläsernen Decke“ zu tun? Oder wird sich der Frauenanteil im oberen Kader automatisch vergrössern? Ein Blick über den Tellerrand auf die Entwicklung der Frauenvertretung im Top-Kader der Privatwirtschaft lässt Zweifel aufkommen.

Die Fische

Der Begriff der „gläsernen Decke“ entstammt einem Artikel im Wall Street Journal 1986 von Carol Hymowitz und Timothy Schellhardt. Er beschreibt, dass Frauen, die in Toppositionen aufsteigen wollen, an einer bestimmten Stelle auf unsichtbare Hindernisse stossen. Der Vergleich mit einem abgedeckten Aquarium kommt von einem Experiment mit Fischen. Hierbei wurde Fischen Futter auf eine Glasplatte über dem Aquarium gestreut. Nachdem die Fische erfolglos versucht hatten, durch die Glasplatte an das Futter zu gelangen, gaben sie es auf und unternahmen auch keine neuen Versuche, als die Glasplatte wieder entfernt war.

Wie steht es um die Bestrebungen von angehenden Ärztinnen „ans Futter“ zu gelangen?
Eine aktuelle Untersuchung aus Deutschland zeigt, dass nicht einmal 3% von ihnen die Ambition Chefärztin zu werden hegen.

Die Chefetagen

Heute, beinahe dreissig Jahre später, sind Frauen in den oberen Chefetagen nach wie vor stark untervertreten. In den Geschäftsleitungen der hundert grössten Schweizer Unternehmen betrug 2012 der Frauenanteil 5%, unter den CEOs waren sie mit 3% vertreten. In den Verwaltungsräten, wo im Sinne einer paritätischen Vertretung verschiedener Interessengruppen eher auf die Zusammensetzung Einfluss genommen wird, sitzen 11% Frauen.

Die Frauen

Das Phänomen der „gläsernen Decke“ hat folglich 2013 keineswegs ausgedient. Trotz der Tatsache, dass in vielen hochqualifizierten Ausbildungen heute mehr Frauen als Männer abschliessen (beispielsweise haben 2005 in der Schweiz die Ärztinnen erstmals den grösseren Anteil an Diplomen in der Humanmedizin erreicht), trotz verbesserter Kinderbetreuungsangeboten, Mentoring- und Förderprogrammen hat sich wenig bewegt. Wollen die Frauen nicht? Sind sie, wie bisweilen pointiert formuliert, lieber Latte-Macchiato-Mütter und überlassen Konkurrenzkampf und Leistungsdruck ihren Männern? Oder können sie nicht, weil sich ihre Partner nach wie vor weitgehend weigern, ihren Part in Haushalt und Kinderbetreuung zu übernehmen? Oder möchten sie, aber die Lücken in ihrem CV verunmöglichen Karriere? Würden sie, wenn mehr Teilzeitkarrieren angeboten werden? Wenn es Quoten gäbe?
Was auch immer wie schwer wiegt: Unterschiedlichste Hindernisse im privaten und beruflichen Umfeld erschweren den bestens ausgebildeten Frauen auch heute noch den Weg nach oben. Dieser Weg führt aber nicht, wie in der „gläsernen Decke“ postuliert geradewegs nach oben bis es an einer bestimmten Stelle zum Bruch kommt, sondern er führt mit Unterbrüchen und Lücken immer wieder in zahlreiche „gläserne Wände“.

Das gläserne Labyrinth

Es ist eher ein gläsernes Labyrinth, in dem Berufsfrauen mit Karriereambitionen heute unterwegs sind. Es sind nicht nur die grossen Abzweigungen und Fragen wie Mutterschaft oder Karriere, Vollzeit oder Teilzeit, Forschung oder Praxis, die lenken und Grenzen setzen. Es gibt auch zahlreiche kleine Glaswände, die oft eher kultureller Natur sind; Spielregeln und Codes, gewachsen in einer Geschäftswelt, die immer männlich geprägt war und es heute noch ist. Es lohnt sich, diesem kulturellen Aspekt mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als dies bis heute der Fall war. Regeln und Codes zu kennen und gezielt einzusetzen, trägt dazu bei, einige der Glaswände durchbrechen zu können.

Die Regeln des Machtspiels

Die Regeln des betrieblichen Machtspiels finden sich in sprachlichem und körpersprachlichem Ausdruck, Einnehmen von Raum, Markierungen, Redezeit, Beziehungen und Allianzen, Aufgabenverteilung: Wer darf wann mit wem sprechen? Wer darf wen berühren? Wer sitzt wo in einer Sitzung? Wer portiert wessen Vorschlag? Wer erhält das attraktivere Projekt? Wer macht die Fleissarbeit? Wer wird auf Grund welcher Kriterien befördert? Wessen Leistungen werden gesehen, wessen nicht?

Die Ärztin, die in der Lage ist, die zentralen, aber nicht kommunizierten Regeln des Machtspiels zu lesen und gekonnt mitzuspielen, kann mit ihren Konkurrenten mitziehen. Sie vermag ihre Energie und ihr Engagement dort einzusetzen, wo sie gesehen und respektiert wird. Sie fordert interessante Aufgaben und Projekte mit Prestige ein, die für eine Beförderung entscheidend sein können. Ihre Körpersprache und ihre Ausdrucksweise signalisieren: Ich bin durchsetzungsfähig. Ich kann entscheiden, auch dort, wo es unangenehm ist.

Wenn Frauen es verstehen, die ungeschriebenen Gesetze der Geschäftswelt zu lesen und unausgesprochene Spielregeln zu erkennen, dann sind sie auch in der Lage zu entscheiden, wann sie gekonnt mitspielen und wann sie sich heraushalten wollen. Sie erweitern ihr taktisches und sprachliches Repertoire, verkaufen, was sie können, geschickt, statt es kleinzureden.

Blutige Nasen?

An Glaswänden kann man sich eine blutige Nase holen. Frauen, die männlich geprägte Codes verwenden und auch mal hart mitspielen, werden nicht immer Beifall ernten. Sie müssen sich anhören, sie seien unweiblich, mit dem eisernen Besen unterwegs, karrieresüchtig und dergleichen mehr. Da helfen nur eine dicke Haut und genügend Humor. Viel Erfolg!

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