Sprachrituale

Sollten Ihnen meine Aussagen zu klar gewesen sein, dann müssen Sie mich missverstanden haben.

Alan Greenspan

 

 

Kommunikation ist wesentlich komplexer als „einfach zu sagen, was man meint“. Es kommt viel mehr darauf an, wie wir etwas sagen und was wir damit meinen, und dies unterscheidet sich von Person zu Person. Unsere Art zu reden und zuzuhören ist hingegen auch zutiefst von unserer kulturellen Erfahrung abhängig, denn Sprache ist erlerntes soziales Verhalten. Wir haben aber im Gegensatz dazu meist das Gefühl, dass unsere Art zu kommunizieren „natürlich“ sei, und neigen dann dazu, das was andere sagen, in unserer eigenen Sprache zu lesen und zu interpretieren.

Deborah Tannen, amerikanische Soziolinguistin, hat untersucht, wie Männer und Frauen im Arbeitskontext kommunizieren und dabei erhebliche kulturelle Unterschiede gefunden, die zu einem grossen Teil von unserer geschlechtsspezifischen Sozialisation herstammen. Diese kultur- bzw. genderspezifische Art zu sprechen beeinflusst unter anderem wesentlich, wie kompetent oder selbstsicher Menschen wahrgenommen werden. Neben Lautstärke, Volumen und Tonlage bestimmen auch Wortwahl und Direktheit, die Verwendung von Witzen und Geschichten, Entschuldigungen und Rechtfertigungen und viele weitere Elemente unsere Aussenwirkung.

Solange wir innerhalb unserer Sprachkultur kommunizieren, werden wir eher so wahrgenommen, wie wir das möchten. Verlassen wir unseren Kulturkreis, können sehr schnell sprachliche Missverständnisse entstehen, die sich auf unsere Reputation auswirken. Gerade zwischen den Geschlechtern entstehen so typische Fehlinterpretationen.

Frauen beispielsweise benutzen viel häufiger Entschuldigungen und Rechtfertigungen als Männer. Sie senken dabei bewusst ihren Status in der Annahme, dass ihr Gegenüber entsprechend nachziehen wird:

Frau A: „Oh, es tut mir leid, ich habe die Kopien vergessen.“

Frau B: „Macht doch nichts!“

Dieses „Entschuldigungsspiel“ ist ein typisches Element in der Kommunikation unter Frauen. Sobald beide mitspielen, gibt es dabei nichts zu verlieren. Wenn das Gegenüber hingegen anders kommuniziert und nach anderen Regeln spielt, kann folgendes passieren:

Frau A: „Oh, es tut mir leid, ich habe die Kopien vergessen.“

Herr C: „Ja, das ist wirklich blöd. Denke das nächste Mal bitte daran.“

Hier stellt sich nun ein zweifacher Statusverlust der Frau ein: Der von ihr selbst initiierte und die nachträgliche Herabstufung durch ihr männliches Gegenüber. Für beide war dies „natürliche“ Kommunikation. Die Aussenwirkung im beruflichen Umfeld hingegen ist: Unsichere Frau trifft auf direktiven Mann.

Frauen verkaufen auch ihre Leistungen anders als Männer. Indem sie diese herunterspielen, nehmen sie sich in ihrer Sprachwelt bewusst zurück, weil sie nicht als „Blufferinnen“ wahrgenommen werden wollen. Im Falle einer guten Leistung sagen sie so etwas wie: „Die Umstände waren günstig, wir hatten richtig Glück, alle haben toll mitgeholfen.“ Im Falle einer schlechten Leistung beziehen sie das Ergebnis auf ihr eigenes Versagen und sagen: „Da hätten wir uns mehr anstrengen müssen, ich habe zu spät realisiert, dass …“ Männer tun hier oft das Gegenteil. Da sie sich eher kompetitiv verhalten, führen sie Erfolge auf ihren eigenen Beitrag, Misserfolge hingegen auf die misslichen Umstände zurück.

Bleiben alle „unter sich“ in ihrer Sprachwelt, gewinnt oder verliert niemand durch ihre, bzw. seine Kommunikation. Sobald sich die Sprachen hingegen mischen, stellen sich Frauen unbewusst als weniger kompetent dar.

Durch ein geschärftes Bewusstsein dafür, welche Sprache und welche kulturellen Codes unser Gegenüber benutzt, vergrössert sich der Aktionsradius von beiden. Frauen können lernen, sich nicht unwissentlich herabzusetzen oder unsicher zu wirken. Männer können lernen, ihr Gegenüber nicht auf Grund sprachlicher Feinheiten zu unterschätzen und ihr Selbstmarketing ihrem Umfeld entsprechend anzupassen, um nicht als „Bluffer“ wahrgenommen zu werden.